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© Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_c017439, www.kulturelles-erbe-koeln.de

Carola Stern (Erika Assmus)

1925–2006, Publizistin

Von der US-Agentin zur Friedensbotschafterin

Die glücklichste Tat ihres Lebens war 1961 die Gründung der deutschen Sektion von Amnesty International, einer Organisation, die sich weltweit für politische Häftlinge einsetzt. Damals stand Carola Stern am Anfang ihrer Karriere als Autorin und Publizistin. Hinter ihr lagen drei Jahre Spionagetätigkeit für die USA während des Aufbaus der DDR. ›Doppelleben‹ heißt ihre Autobiografie.

Manche Leute meinten, es wäre zweckmäßiger gewesen, ein männliches Pseudonym zu wählen. Die Erfahrung zeige, daß man so mit mehr Anerkennung und Vertrauen rechnen könne. Das ging gegen meinen Stolz.

Biografie

1925
Geburt als Erika Assmus am 14. November 1925 in Ahlbeck auf Usedom
1936
BDM-Jungmädel-Führerin mit 13 Jahren
1944
Abitur an der Fontane-Schule in Swinemünde
1946
Hilfsarbeiterin in einer Raketen-Versuchsanstalt in Bleicherode
1948
Ausbildung zur Lehrerin, von den US-Amerikanern als Agentin geworben
1949
Mitglied der SED, Besuch der Parteischule in Kleinmachnow
1951
Flucht nach West-Berlin, Soziologie- und Politik-Studium an der FU Berlin, Mitarbeit im Institut für politische Wissenschaft, Abteilung Sowjetzone. Erste Zeitungsartikel unter dem Pseudonym ›Carola Stern‹
1960
Umzug nach Köln, Redakteurin des SBZ-Archivs, Wechsel in das politische Lektorat des Verlags Kiepenheuer & Witsch
1961
Gründung der deutschen Sektion von Amnesty International
1968
Hochzeit mit Heinz Zöger
1970
Wechsel zum WDR Radio, erste weibliche Redakteurin in der Abteilung Politik
1976
Gründung der Literaturzeitschrift L76 mit Günter Grass und Heinrich Böll
1977
Leitung der WDR-Programmgruppe ›Kommentare und Feature‹
1979
Teilnehmerin bei verschiedenen Aktionen von Friedensbewegungen, Protest gegen den NATO-Doppelbeschluss
1986
Autorin von Sachbüchern und Biografien
2004
Ausstrahlung des Spielfilms ›Carola Stern – Doppelleben‹
2006
Carola Stern stirbt im
© Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_c017439, www.kulturelles-erbe-koeln.de

Kindheit im Matriarchat

»Ich bin in einem reinen Matriarchat aufgewachsen«, sagte sie 2004 in einem Interview.

Als sie im November 1925 in Ahlbeck auf Usedom das Licht der Welt erblickte, war ihr Vater bereits gestorben. Ihre Mutter betrieb ein »Fremdenheim«, sie stammte aus einer Fischerfamilie. Die Fischer, so argumentierte die Tochter später, verrichteten harte Arbeit auf See, während ihre Frauen redeten, handelten und entschieden. So habe sich »seit Urgedenken« an der Küste eine Vormachtstellung der Frauen herausgebildet.

Getauft wurde das einzige Kind auf den Namen Erika Assmus. Sie vermisste ihren Vater, ging auf Spurensuche, las früh die Klassiker aus seinem Bücherregal. Literatur war ihre Zuflucht. »Ich war ein sehr unsicheres Kind und oft krank.« Auch wurde sie gehänselt. Darauf reagierte sie, wie auch später im Leben, unerwartet paradox. Um den Mangel an Selbstbewusstsein in Stärke umzukehren, tanzte sie zunächst und spielte Theater am Strand und in der Schule. Und mit 13 Jahren wurde Erika Anführerin der Ahlbecker Gruppe vom Bund Deutscher Mädel – naheliegend, denn das Kind wuchs im unkritischen Usedomer Umfeld auf. Auch ihre Mutter und ihr Onkel waren stramme Nationalsozialist:innen.

US-Spionin aus Not

Bis zum letzten Kriegstag 1945 hoffte die Mutter auf ein Wunder, bevor sie mit Erika zunächst gen Westen flüchtete. Während die Mutter in Berlin blieb, verschlug es die 20-jährige Tochter in den Harz, als Hilfskraft in einer Raketen-Versuchsanstalt, in der deutsche Forscher:innen tätig waren. 1946 wurden alle Forschungskräfte aus diesem Betrieb in die Sowjetunion verschleppt, die Versuchsanstalt in Bleicherode wurde geschlossen.

Erika absolvierte eine Lehrerinnenausbildung. Ihre Mutter erkrankte an Krebs, die erwünschte Behandlung konnten sich die beiden Frauen nicht leisten. Als ein amerikanischer Agent an ihre Tür klopfte, ließ Erika ihn herein. Im Tausch gegen Informationen über die Versuchsanstalt bekam die Mutter eine erstklassige medizinische Versorgung. Dennoch starb sie wenige Monate später. Eigentlich gab es nun keinen Grund mehr, als Spionin zu arbeiten. Aber als Lehrkraft bewies Erika kein Talent: »Bald zeigte sich, dass die neue Lehrerin beim Denken und beim Träumen jünger war als ihre Zöglinge«, schrieb sie in ihrer Autobiografie ›Doppelleben‹. Also ließ sie sich darauf ein – im Auftrag der Amerikaner – in die SED einzutreten und die Parteischule in Kleinmachnow zu besuchen.

Quelle: Hans Werner Richter-Haus

Zwei Leben

»Bewusstseinsspaltung«, so nannte sie selbst den Zustand, in dem sie sich in den nächsten zwei Jahren befand. In Kleinmachnow am Rande Berlins wurde sie tagtäglich zum »Kader des neuen bolschewistischen Typs« gedrillt. Organisiert war ein Zusammenleben zwischen den jungen Männern und Frauen, staatlich gewollt eine Beziehung zwischen ihnen: Für die 24-Jährige war Fritz ihr erster Freund, ihre Lehrer:innen nannten das »Schüler-Ehe«.

In einem Parallelleben rief sie regelmäßig von einer konspirativen Berliner Wohnung die Amerikaner an. Darauf kam ein Agent und stellte ihr Fragen. Aus diesem Zwiespalt ging sie nicht unbeschädigt hervor, sie litt unter zittrigen Händen und Schlaflosigkeit. 1951 ertrug sie die Belastung nicht mehr und floh Hals über Kopf nach West-Berlin. Auslöser war ein beängstigendes Verhör im Zuge der stalinistischen ›Säuberung‹ in Kleinmachnow. Fritz wurde noch am Tag ihrer Flucht verhaftet.

Im Westen musste sie das eigene Denken lernen. Als sie im Kino einen Kunstfilm sah, überlegte sie lange, worin wohl die erzieherische Botschaft des Films bestehen möge. Beruflich profitierte sie von ihrer sozialistischen Ausbildung. So konnte sie neben ihrem Politik-Studium an der Freien Universität Berlin als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für politische Wissenschaft, Abteilung Sowjetzone arbeiten. Alles schien gut, aber ihre Angst blieb und erwies sich als begründet. Erika überstand zwei Entführungsversuche durch die Stasi (Ministerium für Staatssicherheit), bei einem davon, 1958, wurde ihr ›Ex-Schüler-Ehemann‹ Fritz als Lockvogel eingesetzt.

Als sie begann, journalistisch tätig zu werden, unterzeichnete sie ihre Artikel aus Sicherheitsgründen nicht mit ihrem Namen, sondern mit drei Sternchen. So entstand das Pseudonym Carola Stern. Die Angst um das eigene Leben blieb. Zudem teilte sie mit vielen anderen Deutschen die kollektive Last der Schuld des Nationalsozialismus. Mit einer Japanreise Ende der 1950er-Jahre hoffte sie alldem entfliehen zu können. Stattdessen geriet sie in eine Lebenskrise und musste sich einer stationären Therapie unterziehen.

Quelle: Hans Werner Richter-Haus
© Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_c017328, www.kulturelles-erbe-koeln.de

Medienkarriere in Köln

Nach dem Klinikaufenthalt entwarf sie sich neu. Sie zog nach Köln und publizierte jetzt unermüdlich, so schrieb sie eine Biografie des DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht. Bald wechselte sie in das Lektorat des Verlags für Politik und Wirtschaft, welcher Teil von Kiepenheuer & Witsch war.

1960 lernte sie ihren späteren Ehemann Heinz Zöger (1915 – 2000) kennen, der zunächst als Kommunist von den Nationalsozialisten inhaftiert wurde, dann für die Entstalinisierung in der DDR eingetreten war und wieder Jahre im Gefängnis abgesessen hatte und danach in den Westen geflohen war. In dieser Zeit gründete Carola unter anderen mit dem damals schon bekannten Journalisten Gerd Ruge (1928  2021) die deutsche Sektion von Amnesty International. Nach ihrer eigenen Deutung war dafür ein Kindheitserlebnis in der Nazizeit in Swinemünde ausschlaggebend, das sie nie losgelassen hatte. In einem 2023 ausgestrahlten WDR-Interview sagte sie: »Mich beschämt diese Unempfindlichkeit, die Gefühlslosigkeit (…) ich bin traurig darüber, dass ich niemals eine Träne vergossen habe für die Opfer.«

Ihre Karriere nahm Fahrt auf, nachdem sie ihrem Mann in den Hörfunk des Westdeutschen Rundfunks (WDR) folgte. Als einzige Frau in der politischen Abteilung verfasste Carola Kommentare, die sich deutlich von denen der Männer unterschieden. Ihr Chef bemerkte, sie sage oft ich statt man, äußere sich sehr subjektiv, behaupte früher eine Sache anders gesehen, ihr Urteil revidiert zu haben – all das sei im Hause nicht üblich, schrieb sie in ihrer Autobiografie. Der Kritik zum Trotz schaffte sie es 1977, die Leitung der Programmgruppe ›Kommentare und Feature‹ beim WDR zu übernehmen.

Friedensarbeit

Seit den 1960er-Jahren, verstärkt in den 1970ern, engagierte sich Carola Stern in der Friedensbewegung. Mit Günter Grass und Heinrich Böll zusammen gründete sie die Literaturzeitschrift L76, die verfolgten Autor:innen aus aller Welt die Möglichkeit der Veröffentlichung bot. Nach ihrer Pensionierung schrieb sie Biografien, unter anderem die der beiden Literatinnen der Romantik, Dorothea Schlegel und Rahel Varnhagen.

1990 zog Carola mit ihrem Ehemann zurück nach Berlin. Nach eigener Aussage beschloss ihr Mann: »Also, jetzt mache ich den Haushalt«. Damit übernahm er die klassische Frauenrolle. Er verstarb sechs Jahre vor ihr, und sie, schon immer hilflos in Haushaltsangelegenheiten, siedelte in eine Altersresidenz über.

Anhand von Carola Sterns Leben lassen sich beinahe alle großen Wendungen der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert erzählen: die Verführung der Menschen zum Nationalsozialismus, der Aufbau des realen Sozialismus in der DDR, der ernsthafte Versuch einer Loslösung der westlichen Medien von der Politik und schließlich die Eigenverantwortung im zerrütteten Weltgeschehen.

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