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Stadtgeschichtliches Museum Waren (Foto: privat)

Auguste Sprengel

1847–1934, Gründerin der deutschen Frauenschule

Systematisch gegen mangelhafte Bildung

Die passionierte Lehrerin setzte sich ihr Leben lang für mehr Bildung von Mädchen ein. Über 20 Jahre leitete sie die höhere Töchterschule in Waren an der Müritz, anschließend gründete sie in Berlin eine »Frauenschule«. Sie arbeitete in Komitees an Lehrplänen und Konzepten mit, die zu einer institutionell verankerten Anerkennung von Bildung für Frauen führten.

Aber wir wollen nicht vergessen, dass nicht alle studieren können und sollen. […] Wir brauchen demnach noch andere Anstalten zur Vorbildung: Wir brauchen tatsächlich die allgemeine Frauenschule.

Biografie

1847
Auguste Friderica Luise Sprengel kommt am 9. August in Waren an der Müritz zur Welt
1852
Besuch einer privaten Mädchenschule in Waren
1854
Tod des Vaters, des Warener Stadtrichters Albert Sprengel
1860
Besuch einer privaten höheren Töchterschule in Rostock
1864
Erzieherin in drei Privathaushalten
1870
Lehrerin an der städtischen höheren Töchterschule
1879
Schulleiterin bis 1902, erste Frau in diesem Amt in Waren
1882
Gründung des lokalen Vereins für das höhere Mädchenschulwesen
1888
Schulordnung an der höheren Töchterschule tritt in Kraft
1891
Einweihung des »Lehrerinnen-Feierabendhaus«, eines Seniorinnenheims für pensionierte Lehrerinnen in Waren
1895
Eröffnung des Neubaus der höheren Mädchenschule am Kietz in Waren; Verleihung der großen goldenen Medaille für besondere dem Land geleistete Verdienste durch den Großherzog von Mecklenburg-Schwerin
1902
Pensionierung
1903
Umzug nach Berlin
1904
Gründung der ersten deutschen Frauenschule in Berlin-Friedenau, Leitung während der ersten sieben Jahre
1908
Neuordnung des höheren Mädchenschulwesens in Preußen
1934
Auguste Sprengel stirbt am 21. Oktober in Berlin
Stadtgeschichtliches Museum Waren (Foto: privat)

Sehr gute Bildung

Auguste Sprengel war das älteste von vier Kindern des Warener Stadtrichters Albert Sprengel und seiner Frau Marie. Im bürgerlichen Hause Sprengel nahm Bildung einen hohen Stellenwert ein. Auguste besuchte ab Oktober 1852, noch fünfjährig, die private Mädchenschule in Waren. Schon während ihrer ersten Schuljahre soll sie am Mittagstisch gesagt haben:
»Ich will Lehrerin werden.«

Als sie sieben Jahre alt war, stürzte ihr Vater auf der häuslichen Treppe und starb. Ihrer Mutter wurde die Vormundschaft für die Kinder übertragen. Um die fundierte Ausbildung der Kinder nicht zu gefährden, schränkte sie verantwortungsbewusst ihren eigenen Lebensstil ein. Die drei Töchter wurden Lehrerinnen, der Sohn Arzt.

ehemalige Auguste-Sprengel-Schule: (Foto: Patrick Scholl, flickr)

Ungenügende Voraussetzungen

Nach acht Jahren an privaten Schulen und Hauslehrerunterricht verließ Auguste als eines der wenigen Mädchen ihrer Generation Waren und wurde zwei weitere Jahre in Rostock an einer privaten höheren Töchterschule unterrichtet. Dennoch empfand sie ihre eigene, immerhin zehnjährige Laufbahn als dürftig. »Ostern 1864 verließ ich die Schule, und 14 Tage später war ich Erzieherin«, schrieb sie selbst. Ohne einen weiteren Abschluss arbeitete sie sechs Jahre lang in drei unterschiedlichen Haushalten im Raum Waren als Erzieherin. Auguste hatte es – unausgebildet wie sie war – beruflich nicht leicht in den Familien. Aufgrund ihrer Erfahrungen trat sie später für eine solide, fundierte Ausbildung von Erzieherinnen und Lehrerinnen ein. Denn es genügte damals sogar, mindestens 15 Jahre alt zu sein und Kenntnisse in Religion, Deutsch und Rechnen zu haben, um in einer Volksschule Kinder bis zum 10. Lebensjahr zu unterrichten.

Mit 22 Jahren plante sie, sich in England oder Frankreich ausbilden zu lassen.

Mangelhafte Praxis

Doch es kam anders: Der für die vier Sprengel-Kinder als Rechtsbeistand eingesetzte Wilhelm Schlaaff (1823 – 1899) wurde 1866 zum Bürgermeister der Stadt Waren gewählt. Er bot Auguste an, Lehrerin an der städtischen höheren Töchterschule zu werden. »Es lockte mich die Aussicht, in größerem Kreise wirken zu können; es lockte mich vor allem die Heimat. Daneben aber war es nicht leicht, einen Strich zu machen, erschien es schwer, mich mit 22 Jahren in einer kleinen Stadt festzusetzen«, schrieb sie selbst in ihren Lebenserinnerungen.

Verbunden mit der Einstellung forderte die Stadt das Ablegen einer staatlichen Prüfung. In Mecklenburg hatten Frauen dazu keine Möglichkeit. Also meldete sich Auguste zu einem Seminar in Hannover an. Nach nur zweieinhalb Tagen der Vorbereitung legte sie ihre Lehrerinnenprüfung mit einem sehr guten Ergebnis ab.

In Waren musste sich die frischgebackene Lehrerin um die Gestaltung des Lehrplans kümmern. Einheitliche Lehrpläne an den Mädchenschulen gab es nicht; jeder Lehrer, jede Lehrerin war auf sich alleine gestellt. Augustes Versuche, sich mit anderen Schulen abzustimmen, scheiterten. Sie akzeptierte dies nicht und hospitierte regelmäßig woanders, unter anderem auch in Berlin. Ihr Leben lang sollte sie in Netzwerken arbeiten.

Befriedigende Grundlagen

1879 wurde Auguste die Leitung der höheren Töchterschule übergeben. Zweifelsohne genoss sie einen guten Ruf als Lehrerin – mit Organisationstalent und Ehrgeiz. Daneben entschied sich Bürgermeister Schlaaff aber auch aus einem anderen Grund für eine Leiterin statt eines Leiters: »Wenn wir dafür einen Akademiker berufen, so wird er sich bald nach einer besser besoldeten Stelle umsehen«, schrieb Auguste in ihren Lebenserinnerungen. Bei einer Frau war aus Mangel an besseren Angeboten ein Wechsel nicht zu erwarten.

Auguste machte sich ans Werk: Sie arbeitete in den nächsten zwanzig Jahren nicht nur eine Schulordnung aus, auch stellte sie drei Mal einen neuen Lehrplan für die höhere Töchterschule auf, der jedes Mal das Niveau des Unterrichts hob. Sie legte ihrem Plan eine zehnjährige Schullaufbahn zugrunde, 1889 wurden zumindest neun Jahre im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin anerkannt. Andere Mecklenburger Schulen übernahmen ihren Lehrplan. Obwohl Auguste den Lehrerinnenberuf nie studiert und sich alles autodidaktisch erschlossen hatte, trug sie entscheidend zur Verbesserung des Mädchenunterrichts bei.

Die Warener Schule entwickelte sich gut, 1870 begann sie mit 64, 1880 hatte sie bereits 115 Schülerinnen. Fünf Jahre später wurde ein neues Gebäude für sie errichtet.

Ungewöhnliche Entscheidungen

Offiziell ließ sie sich 56-jährig wegen gesundheitlicher Probleme pensionieren. Dabei waren wohl die Diskrepanzen mit den Bürgervertretern und der städtischen Verwaltung um den neuen Bürgermeister Klockow in Waren ausschlaggebend. Augustes Antrag, Weiterbildungskurse für junge Frauen nach Abschluss der Schule einzurichten, lehnte der Stadtrat ab.

Schon seit 1880 ließ sie als Mitglied im Deutschen Verein für das höhere Mädchenschulwesen keine Hauptversammlung aus, seit 1885 gehörte sie dem engeren Vorstand an. Den Mädchen bessere Bildungschancen zu verschaffen und älteren Lehrerinnen eine Versorgung zu sichern, waren Augustes Hauptziele. 1891 hatte sie in Waren maßgeblich an der Einrichtung eines »Feierabendhauses«, eines Altersruhesitzes für Lehrerinnen, mitgewirkt. Auch unterstützte sie den Aufbau des Wolfenbütteler Feierabendhauses und vertrat den deutschen Wohlfahrtsverband bei der Einweihung des Schweizerischen Lehrerinnenheims in Bern.

Gut vernetzt kehrte sie nach ihrer Pensionierung ihrer Heimatstadt Waren endgültig den Rücken und zog nach Berlin. Hier wirkte sie auf Vereins- und Verbandsebene weiter für die Qualifizierung von Lehrerinnen und des Unterrichts.

Buchseite 1 (Foto: spix)

Gute Bilanz

Zusätzlich bot sie in Berlin 1903 Kurse für junge Frauen an und ein Jahr später eröffnete sie die erste deutsche Frauenschule in Berlin-Friedenau. Die über ein Jahr dauernden Kurse sollten die Schulzeit verlängern und »zur Erziehung unserer Mädchen für den Beruf als Hausfrau und Mutter« optimal vorbereiten.

Heftig diskutiert wurde zu dieser Zeit, wie Mädchenschulen in Bezug auf die Frauenfrage reformiert werden sollten. Augustes Position stieß auf offene Kritik. Die bekannte Frauenrechtlerin Minna Cauer (1841 – 1922) bezeichnete diese Umsetzung spöttisch als »Gretchen- und Hausfrauenideal deutscher Frauen«.

Doch Auguste Sprengel selbst vertrat ihr Leben lang eine konservative Position in der Frauenfrage. Nach heutiger Einschätzung war das nicht ungeschickt. In dem Zusammenhang schreibt Renate Wurms in der ›Geschichte der deutschen Frauenbewegung‹: »Aber den Gemäßigten, der Bildungs- und Berufsbewegung in der ersten Frauenbewegung bleibt der Verdienst, sich zäh und erfolgreich für eine allgemeine und qualifizierte Mädchenschul- und Berufsbildung, für den Zugang zu höherer Bildung und Frauenstudium eingesetzt zu haben.«

Die »Neuordnung des höheren Mädchenschulwesens« galt ab 1908 in Preußen und wirkte auch auf die übrigen deutschen Länder. Neben dem Abschluss der Mädchenschule und der Hochschulreife beinhaltete sie auch Sprengels Schultyp »Frauenschule«, die dann auch als Voraussetzung für die Hortnerinnen- und Erzieherinnenausbildung galt.

Bis 1911 blieb Auguste Leiterin der Berliner Frauenschule, auch danach wirkte die kleine zierliche Frau mit Spitzenhäubchen weiter mit bei der Entwicklung des Bildungswesens für Mädchen und Frauen. Sie starb im hohen Alter von 87 Jahren in Berlin und wurde in ihrer Heimatstadt Waren beigesetzt.

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