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Tisa von der Schulenburg

1903–2001, Künstlerin und Nonne

Von der Adelstochter zur »Heiligen Barbara« des Ruhrgebiets

Mit dem Tuschepinsel zeichnete Tisa von der Schulenburg auf dem Zeichenblock, auf Tüten, Packpapier, auf allem, was gerade zur Verfügung stand. Energisch bannte sie das Schicksal von Opfern auf Papier – Menschen auf der Flucht, Todgeweihte im Holocaust und Vietnamkrieg, Hungernde in Afrika, Leprakranke in Äthiopien und immer wieder Bergleute, ihre »dunklen Brüder«.

Die Kunst und später auch der Glaube gaben Tisa von der Schulenburg auf ihrem fast 100-jährigen Lebensweg Halt. Es war ein Leben der Extreme. Sie hat zwei Kriege miterlebt, Eltern und alle fünf Brüder verloren, zwei Ehemänner verlassen. Geboren im Schloss einer ostelbischen Adelsfamilie, gestorben in einem katholischen Kloster im Ruhrgebiet. Dazwischen ein unstetes Dasein, immer neue Wohnorte, rund 20 sollen es gewesen sein.

Wie lächerlich wenig ich tat!

Biografie

1903
Geburt am 7. Dezember als Elisabeth Mary Caroline Veronika Margarethe Gräfin von der Schulenburg auf Gut Tressow/Mecklenburg
1917
Einschulung im Stift Heiligengrabe nach einer Kindheit in London, Potsdam, Berlin und Münster
1925
Besuch der Berliner Kunstakademie
1928
Eheschließung mit dem jüdischen Unternehmer Fritz Hess
1933
Emigration des Paares nach London
1938
Scheidung von Fritz Hess
1939
Heirat des Jugendfreundes Carl Ulrich von Barner und Verwaltung seines Gutes Klein Trebbow während seines Fronteinsatzes
1944
Verhaftung und Hinrichtung ihres Bruders Fritz-Dietlof wegen Beteiligung am missglückten Hitler-Attentat
1945
Flucht in den Westen, Unterhalt mit Gelegenheitstätigkeiten
1946
Scheidung der Ehe mit von Barner
1947
Besuch des Ruhrgebiets im Auftrag der „WELT«
1950
Eintritt in das Dorstener Kloster St. Ursula
1972
Ehrenbürgerwürde der Stadt Dorsten
1994
Bundesverdienstkreuz am Bande
2001
Am 8. Februar stirbt Schwester Paula im Kloster
Frauen-in-MV_Tisa von der Schulenburg 2 - elterliches Schloss - Victor Klassen
elterliches Schloss Foto: Victor Klassen

Ein sorgenfreies Kinderleben

Als Elisabeth Mary Caroline Veronika Margarethe Gräfin von der Schulenburg am 7. Dezember 1903 auf Gut Tressow in Mecklenburg geboren wurde, lag ein sorgenfreies Leben vor ihr. Wohlstand und Privilegien schienen gewiss. Ihre Kindheit verbrachte die Tochter eines preußischen Generals und Großgrundbesitzers in London, Potsdam, Berlin, Münster und auf dem väterlichen Gut. »Wir mussten uns frühzeitig an eine immer wieder veränderte Umgebung gewöhnen«, schrieb sie später in ihren Erinnerungen. Tisa, so wurde sie genannt, wuchs zwar in den konservativen Traditionen ihrer Familie auf, hatte aber auch als einziges Mädchen unter sechs Geschwistern genügend Freiheit, sich zu entfalten. Sie sei »nicht der Typ für Spitzenkleider« gewesen, eher »wie ein Junge«.

Zwischen Toben im Park, Schwimmen im Teich und Unterricht bei Hauslehrern entwickelte sich ganz nebenbei Tisas künstlerisches Talent. Zunächst fertigte sie Scherenschnitte für den jüngsten Bruder. Das, was außerhalb der Schlossmauern geschah, nahm die Heranwachsende nur schemenhaft wahr. Die Schatten des Ersten Weltkrieges verdunkelten nicht ihre helle, heile Welt. Dort beschäftigte man sich lieber mit schönen Dingen. Als Tisa den Wunsch äußerte, Kunst zu studieren, griff ihre Mutter begeistert zum Telefonhörer und bat, ohne ihn zu kennen, Max Liebermann um Rat. Der berühmte Maler empfing Mutter und Tochter noch am selben Nachmittag und ermutigte die 16-jährige zu einer Ausbildung. Tatsächlich wird ihr der Vater erst 1925 die Erlaubnis für den Besuch der Berliner Kunstakademie geben.

Wilde Studienjahre in Berlin

Kriegsende und Revolutionswirren 1918/19 warfen das Leben der Adelsfamilie aus der Bahn. Der Vater war verbittert über das Ende der Monarchie, den Verlust von Privilegien und Vermögen. Die Mutter zog sich aufs Land zurück. Für die Tochter indes begann in Berlin ein neues wildes Leben, in das sie sich »wie in einen Strudel« stürzte. Exzess war Trumpf: Etliche Liebschaften fanden im Verborgenen statt, Begegnungen mit den Berühmtheiten der Zeit im Glanz der Berliner Salons. Beim Bankier Hugo Simon traf Tisa Albert Einstein, Gerhart Hauptmann, Thomas Mann, Oskar Kokoschka, George Grosz und viele andere. Man trank, diskutierte und entwarf eine neue, eine bessere Welt. »Es war die Zeit der großen Utopia«, erinnerte sich Tisa später.

Im Hause Simon traf sie auch den reichen jüdischen Geschäftsmann Fritz Hess (1886–1976). Der achtzehn Jahre Ältere ließ sich von seiner Frau scheiden. 1928 heirateten Tisa und Fritz – gegen den Willen ihrer Familie. Hess ermöglichte seiner Frau ein Leben in Saus und Braus, brachte ihr aber auch als Mitglied der Deutschen Liga für Menschenrechte die Idee des Pazifismus näher. Tisa war in dieser Zeit »wie gespalten«: Abends glänzte sie im Rampenlicht rauschender Feste, tagsüber streifte sie mit ihrem Zeichenblock durch Berlins Armenviertel, um das wachsende Elend auf Papier festzuhalten.

Atelier im Kloster Foto: Peter Koerbe

Emigration aus Hitler-Deutschland

Sie war sensibel geworden für Hilfsbedürftige und Unterdrückte und brachte dies auch öffentlich zum Ausdruck. 1931 beteiligte sie sich – wie etwa auch Käthe Kollwitz (1867–1945) – an der Ausstellung »Frauen in Not«, mit der in Berlin der § 218 und seine Folgen angeprangert wurden. Mit Hitlers Machtergreifung und dem Reichstagsbrand 1933 platzte die Seifenblase, in der Tisa gelebt hatte. Das Ehepaar entschied sich für die Emigration nach London. Tisas Familie, die Eltern und Geschwister, blieben jedoch begeistert von den Ideen der Nazis in Deutschland zurück.

Erst in England begann Tisa ernsthaft künstlerisch zu arbeiten. Sie schloss sich der antifaschistischen Artists‘ International Association (AIA) an, initiierte eine Gegenausstellung zur Propagandaschau der Nazis über »Entartete Kunst«, gab in den nordenglischen Kohlerevieren Schnitzkurse und hielt Kunstvorträge vor den Bergleuten. Deren Arbeit – liegend, hockend, kauernd im Staub tief unten – hielt sie in vielen Zeichnungen fest.

Foto: Peter Koerber

Gutbesitzerin und Oppositionelle im Krieg

Derweil zerbrach ihre Ehe mit Hess. Das Paar wurde 1938 geschieden. Als Tisa wenig später nach einem Besuch am Sterbebett ihres Vaters wieder nach England einreisen wollte, wurde ihr dies verwehrt. Entmutigt und verzweifelt kehrte sie nach Deutschland zurück, suchte Halt bei ihrer Jugendliebe Carl Ulrich von Barner (1899–1978), den sie am Tag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges heiratete. Da ihr Mann eingezogen wurde, übernahm Tisa die Aufgabe, sich um sein Gut Klein Trebbow nahe Schwerin zu kümmern. Sechs Jahre, bis Kriegsende, verwaltete Tisa den Besitz, setzte sich immer wieder gegen Schikanen von NSDAP-Funktionären zur Wehr, begab sich mehr als einmal in Gefahr, half im Kleinen.

Als sich ihr Lieblingsbruder Fritz-Dietlof (1902–1944) dem Widerstandskreis um Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907–1944) anschloss, quälten sie Selbstvorwürfe. »Wie lächerlich wenig ich tat!«, urteilte sie später. Aber der Umsturz misslang, und Tisa hatte kaum Zeit, um ihren hingerichteten Bruder zu trauern. Das Chaos der letzten Kriegsmonate riss sie mit sich. Immer mehr Flüchtlinge und Ausgebombte mussten auf dem Gut untergebracht und versorgt werden. Erst als die Sowjets vor der Tür standen, entschloss Tisa sich zur Flucht. Von ihrem Mann, der im Oktober aus dem Krieg zurückgekommen war, trennte sie sich. »Ich konnte nicht mehr«, schrieb sie viel später. Doch sie machte weiter: Nach einigen Jobs in der Verwaltung wurde sie von der Tageszeitung »DIE WELT« ins Ruhrgebiet geschickt, um über die dortigen Zustände zu berichten. Es wurde ihre neue Heimat. Sie lebte mitten unter den Bergarbeitern, fuhr mit ihnen in die Zechen ein, zeichnete sie.

Foto: Peter Koerber

Zweites Leben als Nonne im »Ruhrpott«

Im »Ruhrpott« zog sie Bilanz. Allmählich streifte sie ihre Ruhelosigkeit ab. Sie begriff, dass sie nicht zu fordern hatte, sondern zu bitten. Aus den Trümmern ihres bisherigen Lebens wuchs die Hingabe zu Gott. Tisa konvertierte zum katholischen Glauben. 1950 trat sie in das Kloster St. Ursula in Dorsten ein, lebte und wirkte noch über 50 Jahre als Schwester Paula. Sie schuf weitere Werke, vor allem Reliefs und Zeichnungen. Darüber hinaus beteiligte sich die »Heilige Barbara des Ruhrgebiets«, so der damalige Ministerpräsident Johannes Rau, an Mahnwachen und Demonstrationen gegen Zechenschließungen. 1972 verlieh ihr die Stadt Dorsten das Ehrenbürgerrecht. 1994 wurde ihr Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande gewürdigt. Tisa von der Schulenburg starb im Alter von 97 Jahren.

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